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Eine Welt voller Wahrscheinlichkeiten – oder die Kunst, Risiken und Chancen professionell zu antizipieren

Frank Romeike | RiskNET – The Risk Management Network

„Die Theorie liefert viel, aber dem Geheimnis des Alten bringt sie uns kaum näher. Jedenfalls bin ich überzeugt, dass der Alte nicht würfelt” schrieb am 4. Dezember 1926 Albert Einstein an den Physiker und Mathematiker Max Born, einem der führenden Begründer der Quantenmechanik. Die Nachwelt machte daraus den bekannten Ausspruch „Gott würfelt nicht”. Die Aussage Einsteins ist nicht eindeutig interpretierbar. So behauptet eine Seite, dass Einstein die wahrscheinlichkeitstheoretische (stochastische) Erklärung der Quantenmechanik ablehnte, d.h. dass die Physik keinen Zufall kennt. Naturerscheinungen gehen nicht aus einem subatomaren Spiel des Zufalls hervor, sondern sie beruhen auf universellen Gesetzmäßigkeiten, so die deterministische Weltsicht. Für die andere Seite hat Einstein die probabilistische Interpretation von Max Born nicht abgelehnt, sondern im Gegenteil für die einzig zufriedenstellende gehalten. Hierbei sollte insbesondere berücksichtigt werden, dass die Metaphorik des Satzes einen weiten Interpretationsspielraum zulässt. Und Einstein selbst kann sich an der Diskussion nicht mehr beteiligen.

Die Wahrscheinlichkeitsrechnung und der seriöse Umgang mit Unsicherheiten

Im Kern ging es um die Fragestellung, ob der Determinismus der klassischen Physik, insbesondere basierend auf Mechanik von Isaac Newton, in der Quantenmechanik noch Gültigkeit hat oder nicht. Die Frage ist in der Zwischenzeit eindeutig beantwortet: In der Welt der Quantenmechanik werden die Zustände eines physikalischen Systems mittels Wahrscheinlichkeiten beschrieben, beispielsweise mithilfe von Aufenthaltswahrscheinlichkeiten. Die Rolle der Stochastik in der Welt um uns herum wurde u.a. mit der sog. Bellschen Ungleichung bewiesen, die einen Vergleich der Eigenschaften von Quantenmechanik und klassischer Physik ermöglicht.

Doch nicht nur in der Quantenmechanik spielen Wahrscheinlichkeiten eine Rolle. Vieles um uns herum ist durch die Probabilistik geprägt und viel weniger durch deterministische Gesetzmäßigkeiten. Insbesondere Risikomanager sollten die Probabilistik und das Arbeiten mit Wahrscheinlichkeiten beherrschen. Erst die Wahrscheinlichkeitsrechnung ermöglicht einen seriösen Umgang mit Unsicherheit. Risikomanager sollten verstehen, dass stochastische Aussagen kein Zeichen von Schwäche sind, sondern eine Stärke wissenschaftlicher (und auch ganz praktischer) Erkenntnis ist. In der Welt der Stochastik gibt es kein Schwarz-Weiß-Denken oder singuläre Szenarien, sondern eine Bandbreite an potenziellen Szenarien, die mit unterschiedlichen Wahrscheinlichkeiten belegt sind. Es wird die gesamte Variabilität in den potenziellen Szenarien abgebildet. Als mathematische Hilfsmittel zur Umsetzung dieses Ansatzes werden sogenannte stochastische Simulationen, Verteilungsanpassungen und andere Werkzeuge aus der Wahrscheinlichkeitsrechnung angewendet. Die Alternative zum stochastischen Denken wäre die Schaffung und Erfindung von uns gerade genehmen alternativen Fakten, d.h. eine Anmaßung von Wissen, über welches wir nicht verfügen.

Von Bandbreiten sowie dem Antizipieren und Messen von Risiken

Das Ausblenden einer Bandbreite möglicher Szenarien führt zu einer Welt, wie wir sie gerne sehen möchten, aber nicht so, wie sie wirklich ist. Nicht selten werden vor allem die Risiken ignoriert, die sich nur schwer antizipieren und messen lassen, selbst wenn sie zum Kollaps führen. Vielen Menschen ist Unsicherheit zuwider. Sie konzentrieren sich lieber auf das Alltägliche als die Szenarien, die uns wirklich Schmerzen bereiten (siehe Fukushima, Subprime-Krise, SARS-Cov-2-Pandemie etc.). Übrigens stammt das Wort Stochastik aus dem Griechischen (στοχαστικὴ τέχνη) und bedeutet „vermuten“ und „mutmaßen“. Den Mehrwert der Stochastik für die Bewertung von Risiken hatte bereits im 17. Jahrhundert der Mathematiker Jakob Bernoulli erkannt. In seinem wichtigsten Werk, der Ars Conjectandi, können wir lesen: „[…] irgendein Ding vermuten, heißt so viel als seine Wahrscheinlichkeit messen.“ Daher bezeichnete er als „Vermutungs- und Mutmaßungskunst“ (ars conjectandi sive stochastice), die Wahrscheinlichkeit der Dinge zu messen und zwar zu dem Zwecke, dass wir bei unseren Handlungen stets das auswählen und befolgen können, was uns besser, trefflicher, sicherer und ratsamer erscheint“. Und damit wären wir beim Kern eines wirksamen Risikomanagements. Denn Risikomanagement ist die Kunst, Risiken und Chancen professionell zu antizipieren und sicher durch die stürmische See zu kommen. Und dies bedingt vor allem einen seriösen Umgang mit Unsicherheit. Und wenn wir wenig wissen, sollten wir uns nicht anmaßen ein Risiko mit einem Preisetikett oder einer exakten Wahrscheinlichkeit zu versehen.

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